Bei komplexen Fragestellungen liegt die erste Lösung manchmal erstaunlich schnell auf dem Tisch. Ein neues Tool soll her, ein zusätzlicher Prozess wird eingeführt oder die Kommunikation soll verbessert werden.
Divergentes Denken setzt an einem anderen Punkt an: Zunächst wird der Raum möglicher Perspektiven, Erklärungen und Ideen bewusst erweitert. Erst danach werden Optionen gebündelt, geprüft und weiterverfolgt.
Diese Bewegung spielt auch im Design Thinking eine wichtige Rolle. Der Prozess schafft einen strukturierten Rahmen, in dem sich offenes Erkunden und gezieltes Fokussieren immer wieder abwechseln.
Kurz erklärt: Divergentes Denken bedeutet, zu einer offenen Fragestellung unterschiedliche Ideen, Perspektiven oder Lösungswege zu entwickeln. Konvergentes Denken hilft anschließend dabei, diese Möglichkeiten zu ordnen und Entscheidungen zu treffen. Im Design Thinking kommen beide Denkweisen sowohl bei der Auseinandersetzung mit dem Problem als auch bei der Entwicklung möglicher Lösungen zum Einsatz.

Was ist divergentes Denken?
Der Begriff des divergenten Denkens ist eng mit der psychologischen Kreativitätsforschung verbunden. Eine wichtige Grundlage dafür legte der US-amerikanische Psychologe J. P. Guilford, der sich bereits Mitte des 20. Jahrhunderts damit beschäftigte, wie sich kreatives Denken wissenschaftlich beschreiben lässt.
Beim divergenten Denken geht es darum, von einer Ausgangsfrage aus verschiedene mögliche Richtungen zu erkunden. Statt möglichst schnell bei einer Antwort anzukommen, werden zunächst mehrere Optionen zugelassen.
Dabei können unterschiedliche Aspekte eine Rolle spielen: Wie viele Ideen entstehen? Wie unterschiedlich sind sie? Und gelingt es, auch weniger naheliegende Perspektiven einzubeziehen?
Divergentes Denken und Kreativität sind dabei eng miteinander verbunden, bezeichnen aber unterschiedliche Dinge. Runco und Acar beschreiben divergentes Denken als einen Indikator für kreatives Potenzial. Viele Ideen zu entwickeln führt also nicht direkt zu einer kreativen oder geeigneten Lösung. Entscheidend ist auch, wie diese Ideen später eingeordnet, bewertet und weiterentwickelt werden.
Gerade deshalb ist die Ergänzung durch konvergentes Denken so wichtig.

Divergentes und konvergentes Denken: Warum wir beides brauchen
Divergentes und konvergentes Denken beschreiben zwei unterschiedliche Denkbewegungen.
Beim divergenten Denken wird ein Denkraum geöffnet. Unterschiedliche Informationen, Perspektiven und Möglichkeiten dürfen zunächst nebeneinanderstehen. Ziel ist es, die Vielfalt zu erhöhen und vorschnelle Festlegungen zu vermeiden.
Beim konvergenten Denken wird dieser Raum wieder fokussiert. Informationen werden gebündelt, Ideen verglichen und Kriterien herangezogen, um zu entscheiden, welche Richtung weiterverfolgt werden soll.
In kreativen Prozessen greifen beide Denkweisen ineinander.
Das bedeutet auch: Divergentes Denken ist keine Einladung dazu, sich endlos im Kreis zu drehen. Irgendwann braucht es eine Entscheidung. Umgekehrt kann eine sehr frühe Entscheidung dazu führen, dass relevante Alternativen gar nicht erst sichtbar werden.
Die Frage lautet deshalb weniger, welche der beiden Denkweisen besser ist. Entscheidend ist, wann ein Prozess mehr Öffnung und wann er mehr Fokussierung braucht.

Divergentes Denken beginnt schon beim Problem
Wenn von divergentem Denken die Rede ist, denken viele zunächst an Brainstorming und möglichst viele kreative Ideen. Im Design Thinking beginnt die Bewegung jedoch früher.
Denn auch ein Problem lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.
Nehmen wir an, ein Unternehmen stellt fest, dass ein internes Weiterbildungsangebot kaum genutzt wird. Schnell könnte die Annahme entstehen, das Angebot müsse stärker beworben werden. Die naheliegende Lösung wäre dann beispielsweise eine zusätzliche Kommunikationskampagne.
Öffnen wir zunächst den Problemraum, entstehen andere Fragen:
- Warum nehmen Mitarbeitende das Angebot bisher wenig wahr?
- Passt das Format zu ihrem Arbeitsalltag?
- Ist der Nutzen ausreichend verständlich?
- Gibt es zeitliche Hürden?
- Wie wird Weiterbildung im Team besprochen?
- Welche Rolle spielen Führungskräfte?
- Und erleben verschiedene Personengruppen möglicherweise ganz unterschiedliche Barrieren?
Damit verändert sich zunächst das Verständnis der Ausgangssituation.
Gerade bei komplexen Fragestellungen ist das relevant. Je nachdem, aus welcher Perspektive man auf das Problem blickt, können andere Aspekte darauf sichtbar werden. Eine systemische Perspektive richtet den Blick deshalb auch auf Zusammenhänge, Wechselwirkungen und unterschiedliche Sichtweisen innerhalb eines Kontextes.
Erst wenn dieser Raum ausreichend erkundet wurde, kann eine konkrete Problemdefinition entstehen. Und auch diese bleibt im weiteren Prozess überprüfbar.

Warum wir häufig zu früh auf eine Lösung zulaufen
Schnelle Lösungen wirken im Arbeitsalltag häufig attraktiv. Sie vermitteln Handlungsfähigkeit und reduzieren zunächst die Unsicherheit, die mit einer offenen Fragestellung verbunden ist.
Gleichzeitig können vorhandene Ideen unseren weiteren Suchraum beeinflussen.
In der Designforschung wird in diesem Zusammenhang von Design Fixation gesprochen. Gemeint ist die Tendenz, an bestehenden Beispielen oder bereits vorhandenen Lösungsideen festzuhalten. Wenn wir bereits konkrete Beispiele oder erste Lösungsansätze vor Augen haben, kann das unseren Blick auf weitere Möglichkeiten verengen. Wir orientieren uns dann leichter an dem, was schon da ist, und erkunden weniger unterschiedliche Richtungen. Gleichzeitig können Beispiele durchaus hilfreich sein und unter bestimmten Bedingungen sogar die Qualität oder Neuartigkeit von Ideen fördern (Sio, Kotovsky & Cagan, 2015).
Für die Praxis lässt sich daraus ein hilfreicher Gedanke ableiten: Eine erste gute Idee muss nicht verworfen werden. Sie sollte nur nicht automatisch bestimmen, welche anderen Möglichkeiten überhaupt noch betrachtet werden.
Divergentes Denken kann dabei helfen, für einen Moment Abstand zu dieser ersten Idee zu gewinnen, um das Gesamtbild nicht aus dem Blick zu verlieren.

Welche Rolle spielt divergentes Denken im Design Thinking?
Design Thinking ist ein nutzerzentrierter Ansatz zur Bearbeitung komplexer Fragestellungen. Je nach Modell wird der Prozess etwas unterschiedlich dargestellt. Gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen, dass Problemverständnis, Ideenentwicklung und Erprobung miteinander verbunden sind und Erkenntnisse aus späteren Phasen dazu führen können, frühere Annahmen erneut zu betrachten.
Im Design Thinking Workshop am INeKO wird mit einem sechsstufigen Prozess gearbeitet:
- Understand: Die Ausgangssituation und die Fragestellung verstehen.
- Observe: Nutzer_innen, ihre Bedürfnisse und ihren Kontext genauer betrachten.
- Define a Point of View: Erkenntnisse zusammenführen und die zentrale Herausforde-rung konkretisieren.
- Ideate: unterschiedliche Ideen und mögliche Lösungswege entwickeln.
- Prototype: ausgewählte Ansätze in einer ersten, greifbaren Form erproben.
- Test: Feedback einholen und daraus neue Erkenntnisse für die weitere Entwicklung gewinnen.
Divergentes und konvergentes Denken ziehen sich dabei durch mehrere Phasen des Prozesses. Schon zu Beginn geht es darum, eine Fragestellung aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und Informationen zu sammeln. Anschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse verdichtet, um einen konkreten Point of View zu formulieren.
In der Ideenphase öffnet sich der Denkraum erneut: Unterschiedliche Lösungsansätze entstehen, bevor ausgewählt wird, welche davon als Prototyp weiterverfolgt und getestet werden. Erkenntnisse aus dem Test können wiederum dazu führen, die Lösung anzupassen oder noch einmal zu einer früheren Phase zurückzukehren.
Entscheidend für den Design Thinking Prozess ist dabei weniger eine starre Abfolge einzelner Schritte als der bewusste Wechsel zwischen Möglichkeiten erkunden, Erkenntnisse verdichten, Lösungen entwickeln und aus Feedback weiterlernen.
Divergentes Denken prägt im Design Thinking damit nicht nur die Suche nach Lösungen. Schon beim Erkunden einer Fragestellung hilft es, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und vorschnelle Festlegungen zu vermeiden.

Ein Beispiel für divergentes Denken im Arbeitsalltag
Stellen wir uns vor, ein Team möchte den internen Wissensaustausch verbessern.
Eine erste Idee könnte lauten: Wir brauchen ein neues digitales Tool.
Aus dieser Idee könnte sofort eine klassische Lösungsdiskussion entstehen: Welches Tool eignet sich? Was kostet es? Wer führt es ein?
Divergentes Denken verschiebt den Fokus zunächst zurück auf die Ausgangssituation.
Wo genau fehlt denn Wissen? Wann wird das zum Problem? Welche Informationen werden bereits geteilt und welche gehen verloren? Wissen Kolleg_innen, an wen sie sich mit bestimmten Fragen wenden können? Gibt es ausreichend Zeit für Austausch? Welche Formate funktionieren bereits gut? Gibt es Unterschiede zwischen neuen und langjährigen Mitarbeitenden oder zwischen verschiedenen Teams?
Aus diesen Perspektiven können unterschiedliche Problemdefinitionen entstehen.
Vielleicht fehlt tatsächlich eine geeignete technische Struktur. Vielleicht ist Wissen längst dokumentiert, wird aber nur schwer gefunden. Vielleicht liegt die Herausforderung stärker in Zuständigkeiten, im Arbeitsrhythmus oder darin, dass informeller Austausch kaum stattfindet.
Erst danach öffnet sich der Lösungsraum erneut. Jetzt können beispielsweise neue Dokumentationsformen, Peer-Formate, feste Austauschzeiten, veränderte Meetingstrukturen oder technische Lösungen entwickelt werden.
Anschließend kommt konvergentes Denken ins Spiel: Welche Ansätze adressieren die tatsächlichen Bedürfnisse? Was lässt sich erproben? Welche Kriterien sind für die Entscheidung relevant?
Das Beispiel zeigt: Divergentes Denken bedeutet mehr, als viele Lösungsideen zu entwickeln. Es geht zunächst vor allem darum, den Blick auf die Problemstellung zu verändern und Raum für andere Perspektiven zu öffnen.

Wie lässt sich divergentes Denken fördern?
Divergentes Denken lässt sich im Arbeitsalltag durch einige Rahmenbedingungen und Design Thinking Methoden unterstützen.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die Formulierung der Fragestellung. Sehr enge Fragen führen häufig bereits in eine bestimmte Richtung. Offene Fragen schaffen mehr Spielraum. Im Design Thinking werden dafür beispielsweise Fragen genutzt, die mit Wie könnten wir …? beginnen.
Auch eine zeitweise Trennung von Ideenentwicklung und Bewertung kann hilfreich sein. Sobald jede Idee unmittelbar auf Machbarkeit, Kosten oder mögliche Einwände geprüft wird, wird der Denkraum schnell wieder kleiner. Eine klar abgegrenzte divergente Phase erlaubt es, zunächst Möglichkeiten zu sammeln. Die Bewertung folgt anschließend.
Perspektivwechsel können den Raum ebenfalls erweitern. Wie würde eine andere Person die Situation beschreiben? Welche Bedürfnisse haben unterschiedliche Beteiligte? Was verändert sich, wenn eine gewohnte Annahme für einen Moment infrage gestellt wird?
Design Thinking Methoden wie Brainwriting, Analogien oder unterschiedliche Formen des Perspektivwechsels können diesen Prozess strukturieren. Die Methode allein erzeugt jedoch noch keine Offenheit. Entscheidend ist auch der Rahmen, in dem ungewohnte Gedanken geäußert, weitergedacht und zunächst stehen gelassen werden können.
Dabei geht es nicht darum, permanent möglichst originell zu sein. Häufig entsteht der entscheidende Unterschied bereits dadurch, dass eine Gruppe eine Fragestellung länger erkundet und mehrere plausible Sichtweisen nebeneinander betrachten kann.

Divergentes Denken im Design Thinking praktisch erleben
Der Wechsel zwischen Problemverständnis, Ideenentwicklung und Fokussierung lässt sich besonders gut nachvollziehen, wenn er an einer konkreten Fragestellung erlebt wird.
Im zweitägigen Design Thinking Workshop des INeKO durchlaufen die Teilnehmenden den gesamten Prozess anhand praktischer Fallbeispiele. In sechs Phasen geht es vom Verstehen und Beobachten über die Synthese und Ideenfindung bis hin zu Prototyping und Testing. Dabei werden unterschiedliche Methoden praktisch ausprobiert.
Der erste Teil richtet den Blick auf den Problemraum: Eine Fragestellung wird untersucht, die Perspektive der Nutzer_innen einbezogen und die zentrale Herausforderung herausgearbeitet. Anschließend öffnet sich der Lösungsraum, in dem verschiedene Ideen entstehen, als Prototypen greifbar werden und durch Feedback weiterentwickelt werden.
So wird auch das Zusammenspiel von divergentem und konvergentem Denken konkret erlebbar: Möglichkeiten öffnen, Erkenntnisse verdichten, erneut öffnen und Schritt für Schritt zu einer tragfähigen Lösung gelangen.

Fazit: Gute Lösungen brauchen Raum für Möglichkeiten
Divergentes Denken sorgt zunächst für mehr Vielfalt. Unterschiedliche Perspektiven, Erklärungen und Ideen können sichtbar werden, bevor der Blick auf eine bestimmte Richtung verengt wird.
Konvergentes Denken gibt diesem offenen Raum anschließend Struktur. Es hilft dabei, Zusammenhänge zu erkennen, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen zu treffen.
Im Design Thinking wechseln sich beide Bewegungen mehrfach ab. Besonders wertvoll ist dabei, dass die Öffnung bereits beim Verständnis des Problems beginnt. Denn wenn eine Fragestellung vorschnell definiert wird, kann auch eine gut ausgearbeitete Lösung an einem zu eng gefassten Problem ansetzen.
Manchmal beginnt die Suche nach einer besseren Lösung deshalb mit einer einfachen Frage:
Welche Möglichkeiten haben wir bisher noch gar nicht betrachtet?
Quellen
-
- Guilford, J. P. (1950): Creativity. American Psychologist, 5(9), 444–454.
- Runco, M. A. & Acar, S. (2012): Divergent Thinking as an Indicator of Creative Potential. Creativity Research Journal, 24(1), 66–75. https://doi.org/10.1080/10400419.2012.652929
- Sio, U. N., Kotovsky, K. & Cagan, J. (2015): Fixation or inspiration? A meta-analytic re-view of the role of examples on design processes. Design Studies, 39, 70–99. https://doi.org/10.1016/j.destud.2015.04.004
