Der Konstruktivismus aus gestaltpsychologischer Sicht, vertritt die Auffassung, dass durch die Wahrnehmung eines Individuums nicht die objektive Realität wiedergegeben werden kann. Vielmehr werden die durch die Sinnesorgane wahrgenommenen Reize/Informationen im Gehirn verarbeitet und subjektiv, unter anderem basierend auf Lernerfahrungen oder vorherigem Wissen interpretiert. Das wahrgenommene wird somit individuell konstruiert. Durch die individuellen Konstruktionen ist das Ganze (das Wahrnehmbare) also mehr als die Summe seiner Teile. Auch Wissen im Sinne von schulischem Wissen ist gemäß des Konstruktivismus subjektiv konstruiert. Im Individuum entsteht kein objektives Abbild der Wissensinformation, sondern vielmehr eine Konstruktion des Wissens, basierend auf vorherigen Erfahrungen und bereits konstruiertem Wissen.
Es wird zwischen individuellem und sozialem Konstruktivismus unterschieden:
- Individueller Konstruktivismus: Es liegen interne Prozesse der Wissenskonstruktion vor (wie von Jean Piaget die Prozesse Assimiliation und Akkomodation vorgeschlagen wurden).
- Sozialer Konstruktivismus: Die Wissenskonstruktion wird von sozialen Faktoren beeinflusst. Somit sei nach dieser Richtung gemeinsame Wissenskonstruktion erfolgsversprechender als individuelle (Wygotskis Theorie des dialektischen Konstruktivismus).
Eine weitere Unterscheidung ist jene zwischen radikalem und gemäßigtem Konstruktivismus.
- Radikaler Konstruktivismus: Nach dem radikalen Konstruktivismus ist alles gelernte lediglich eine Konstruktion des Lernenden. Somit kann es keine Übereinstimmung zwischen Wirklichkeit und Konstruktionen geben.
- Gemäßigter Konstruktivismus: Beim gemäßigtem Konstruktivismus wird die Annahme vertreten, dass sich Individuen in ihrem Wissenserwerb, bzw. bei Lernprozessen gegenseitig beeinflussen können. Dies kann beispielsweise durch Gespräche gelingen.
Generell ermöglicht Kommunikation die eigenen Konstruktionen, Wahrnehmungen und Gedanken auszudrücken. Wodurch letztlich Konflikte basierend auf unterschiedlichen Konstruktionen gelöst werden können, und ein gemeinsames Verständnis erzeugt werden kann (beispielsweise Partnerschaftsstreit oder unterschiedliche Auffassungen in Lehr-/Lernsituationen).
Beispiel für eine subjektive Konstruktion:
Herr X kommt abends müde von der Arbeit nach Hause. Seine Frau versucht sich mit ihm zu unterhalten. Seine Stimmlage interpretiert Frau Y als gereizt, daraufhin sagt sie „Du bist total genervt von mir. Was habe ich falsch gemacht?“ Herr X antwortet: „Was? Ich bin einfach nur müde. Ich hab’s gar nicht böse gemeint…“. Aufgrund vorheriger Beziehungserfahrungen konstruiert Frau Y ihre Realität. In einer früheren Beziehung war dieser Tonfall ein Zeichen von Ablehnung, weswegen sie Herrn X Stimmlage basierend auf ihren Konstruktionen subjektiv interpretiert.
Vergleiche Literatur:
Mietzel, G. (2017). Pädagogische psychologie des lernens und lehrens. Hogrefe Verlag.